
(Blog-Eintrag vom 25.11.06) In tiefer Trauer verkünde ich hiermit: Der Slam 2006 ist vorbei. Seit zwei Wochen! Und was soll ich nun dazu sagen? Man kann dieses Event nicht wirklich in Worte fassen, wenn man dabei alle Eindrücke ausdrücken möchte. Über zweihundert Dichter treffen aufeinander, schlafen alle im selben Hotel, lernen sich kennen, performen, Siege, Niederlagen, Partys, nächtliche Freestlyesessions (sogar Sebastian Krämer, der Hip Hop sonst immer aufs Korn nimmt, soll gefreestylt haben! Mit Beatboxbegleitung und so!), Jurybeschimpfungen, und und und und und und und…
Was soll ich nun dazu sagen? Ich habe ein paar Dinge herausgefunden: Gabriel Vetter und Etrit Hasler sind nicht die einzigen Schweizer die Hochdeutsch sprechen. Gabriel Vetter und Etrit Hasler sind auch nicht die einzigen Schweizer die gute Slammer sind, die Schweizer haben ganz schön gerockt dieses Jahr! Es gab mehr ernste Texte, als ich erwartet hätte, auch wenn das Wort Poetry im Begriff “Slam 2006″ nicht vorkommt, zu einer Comedy-Veranstaltung ist das Ganze nicht verkommen. Und: Der ziemlich ausgelutschte Begriff “slamily” ist berechtigt, 99% der Slammer sind nicht nur sehr interessante, sondern auch sehr nette Menschen. Und wohl auch der Grund warum sich so viele darauf freuen im Folgejahr wieder zum National zu kommen, nicht der ganze Wettbewerbsquatsch, nein…
Aber kommen wir doch mal auf den Wettbewerbsquatsch zu sprechen. Marc-Uwe Kling ist der neue National Slam Champion. Ein Mann mit Sinn für Humor, mit Sinn für politische Themen und mit einem Känguru als Alter Ego. Coole Combo, was? Und er hat einen Pulp Fiction-Text, also einen Text der sich auf diesen Film bezieht, den ich zu meinen Lieblingsfilmen zähle! Jaaaaaaaaa! Also, er hat es verdient, keine Frage. Das Faszinierende ist allerdings, dass es jeder der Finalisten verdient hätte, das haben wir schon öfter gehört, aber auch nur weil es stimmt. Sehr schön war es, dass Felix Römer im Finale vom Finale wirklich einen ernsten Text gebracht hat, einen verdammt guten noch dazu, mit dem er beinahe gewonnen hätte! Standing Ovations, Baby! Das war ein Finale…und als alle dachten es wäre gelaufen kam Marc-Uwe und hat die Stimmung nochmal um 180° gedreht, eine Leistung ist das, jaja.
Das Team-Finale war auch ziemlich hochwertig, überhaupt war ich ziemlich überrascht von den Team-Vorrunden. Die sollen bei den letzten Nationals ziemlich schlecht gewesen sein, von einem Trauerspiel haben manche gesprochen. Aber das war’s dieses Jahr definitiv nicht! Und: Volker Strübing, National Slam Champ 2005 hat zusammen mit seinem Kollegen Micha Ebeling den Sieger-Kranz geholt, der angeblich ganz schön stinken soll, weil er so alt ist…hoffentlich freut sich das Team LSD (steht für Liebe statt Drogen) trotzdem darüber. Es lebe der siamesische Strübeling!
Und nun zu einem anderen Finale. Das U20-Finale. Es war grandioooos, die Stimmung war besser als bei allen Einzel-Vorrunden, besser als beim Team-Finale, einfach fantastisch!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Und auch die Qualität der Vorträge insgesamt überraschend hoch. Also, alles supi, oder? Nicht ganz. In der offiziellen Pressemitteilung heißt es zwar: “Große Beachtung fand der U20 -Slam, der zum dritten Mal für alle Poeten unter 20 stattfand. Ein sehr junges Publikum reagiert sich in der Schauburg mit frenetischer Begeisterung, die Beiträge der Vortragenden setzten sich gleichermaßen unterhaltsam, mitreißend und fundiert mit Themen auseinender, die junge Leute bewegen. Auch hier ein großes Presseaufgebot: ARD, ZDF, Abendzeitung München und Bayerisches Fernsehen waren vertreten.” Aber in der Presse und in den Slam-Blogs wird der U20-Slam mit keinem Wort erwähnt. Dabei war’s doch so toll! Nicht mal die Siegerin, die allseits bekannte Lara Stoll. Aber jetzt, wo ich einen Blog habe kann ich das ja tun. Lara Stoll hat gewonnen und war toll. Das U20-Finale an sich war toll. Die U20-Slammer sind toll. Whoa. Habt ihr Mattes Neubauer, Timo Brunkes Nachwuchs gesehen, der dort erst seinen ZWEITEN Auftritt hatte? Jan Coenen? Veronika Scholz (Die wurde von Lars Ruppel persönlich großgezogen!)? Dari Hunziker? Alice Schönenberger? Beni Ryser? Ekimus? Und die ganzen anderen?! Nein?! Dann sage ich euch das, was sonst nirgends steht: Ihr habt was verpasst! Und wenn wir U20-Slammer nicht die Aufmerksamkeit kriegen die wir verdienen, dann holen wir sie uns! Medien und Blogs dieser Welt, ihr könnt uns nicht ignorieren! Wir sind die Jugend! Die Stimme der Jugend! Die Zukunft! Ja, die Stimme der Zukunft! Und in Zukunft werden wir wohl oder übel die normalen Einzel-Vorrunden aufmischen, bleibt uns wohl nichts anderes übrig.
So, womit wir auch bei den Medien angelangt wären. Überall Kameras, alter Schwede. Und trotzdem, macht die Presse Fehler ohne Ende, kaum zu glauben, oder? Da wird der Lars Ruppel zum Timo Brunke gemacht, mit irgendwelchen Zahlen durch die Gegend geworfen, hallo?! Und interessantere Interviewfragen könnten die sich auch mal ausdenken…da fragt der mich doch ernsthaft “Wie lange brauchst du für einen Text” und “Wie kommst du auf die Ideen”. Da kann er mich genauso gut nach der Farbe meiner Zahnbürste fragen.
Apropos Zahnbürste: Das Jurysystem (tolle Überleitung, nicht wahr?). Viel umstritten war’s, aber auch zu Recht. Andererseits hat jedes System seine Schwächen. Angeblich werden beim Jurysystem die Noten gegen Ende immer höher, weil die Juroren nicht mit dem Ausbuhen zurecht kommen sollen. Und undemokratisch, weil man ja nur fünf Meinungen hat. An sich mag es egal sein, ja. Man kann die Texte nicht in Zahlen quetschen und sagen: “So, dieser Text ist eine 24,9, beim letzten Mal war er eine 25,5, das macht einen Durchschnitt von…” Man kann Texte nicht bewerten. Das geht nicht. Das wäre eine unglaubliche Anmaßung. Das gilt für alle Systeme, sei es die Applausabstimmung oder was auch immer. Nur glaube ich, dass das Münzensystem, das in Leipzig angewandt wurde fairer gewesen wäre, insofern als das vielschichtigere Texte bessere, lustige Texte mit flachen Pointen, mit kurzfristiger Wirkung (es gibt durchaus auch intelligente lustige Texte, versteht mich nicht falsch), schlechtere Chancen gehabt hätten(weil man dann Zeit hat über die Texte nachzudenken). Es war grausam womit die Leute in den Vorrunden teilweise weitergekommen sind…
Ob Ken Yamamoto damit wohl ins Finale eingezogen wäre? Er hätte es verdient gehabt, keine Frage, ich bin jetzt noch nicht solange dabei, aber das gehört zu den besten Performances, die ich jemals gesehen habe- nur, geht es denn darum, um das Weiterkommen, das Siegen? Können wir sagen was fair und nicht fair ist? Der Wettbewerb ist nur der Rahmen, wir sollten dankbar sein, so große Performances überhaupt sehen zu dürfen, und wenn ihr bedauert, dass bestimmte Leute nicht weiterkommen, hilft das auch keinem. Fresse halten und genießen oder selber machen. In Berlin (2007) wird es wieder das Jurysystem. Fresse halten und abwarten oder Organisatoren bestechen.
Was ich nur etwas albern fand war die Regelfickerei in den Halbfinalen: Nadja Schlüter und Katinke Buddenkotte waren beide punktgleich, aber dann hieß es nur diejenige mit der höheren Einzelwertung käme weiter. Albern ist das, ja. Im anderen Halbfinale ist etwas ähnliches mit Wolfgang Hogekamp Lüchtrath (danke an Pauline Füg für den Korrkturhinweis) passiert, ich weiß allerdings nicht mit wem er punktgleich war im Halbfinale im Literaturhaus gab es zwei punktgleiche Drittplazierungen, Lüchtrath war also entweder Fünfter oder Vierter (wenn man lediglich nach den Punkten geht).
So, und nun das, was kaum einer weiß: Nadja Schlüter hatte das Angebot bekommen auch ins Finale einzuziehen, es aber abgelehnt, weil dem Wolfgang Lüchtrath (der ja den Punkten nach Vierter war) nicht dasselbe Angebot gemacht worden war. Konsequent bis zum Schluss, bewundernswert ist das. Und das zeigt, dass es eben nicht um den Wettberbsquatsch geht. “Die Punkte sind nicht der Punkt, der Punkt ist die Poesie” (Bob Holman). Punkt.
Wie gesagt, nächstes Jahr ist Berlin an der Reihe, wegen dem zehnjährigen Jubiläum. Aber das Budget ist wohl so klein, dass jeder Slam nur einen Slammer schicken darf, die Team-Vorrunden nicht seperat sein werden und was mit den Themenslams sein wird, die dieses Jahr so cool waren, kann man sich wahrscheinlich denken- ich glaube nicht, dass die das auf die Reihe kriegen werden. Man denke mal an den Rap-Slam, der mit zu dem Besten gehörte, was auf dem National so von Statten gegangen ist. Tja, wird es wohl nicht geben, dieses schöne Rahmenprogramm. Aber nun gut. Man weiß erst was man hatte wenn man es verliert, und 2008 in Zürich wird es wieder mindestens so großartig wie in München, und dann können wir uns doppelt freuen! Wenigstens ist Berlin eine nette und nicht so teure Stadt…für das gute Rahmenprogramm wäre ich aber sogar bereit in Zürich wieder pleite zu gehen, so wie dieses Jahr. Ob ich das ernst meine? Na Logo!
Apropos Logo (Argh…noch eine schlechte Überleitung…) : Das Logo für den National Slam war grauenvoll. Wir sind doch kein Kindergartenverein! ich hatte den Veranstaltern angeboten etwas zu entwerfen (wirklich!), aber nein, das wollte man ja nicht.
Man sieht ja was dabei rausgekommen ist: 
Noch was: Auf den Teilnehmerbändchen habe ich einen Grafikfehler entdeckt: 
Könnt ihr ihn sehen? Nein? Gut, das Bild ist ziemlich unscharf [thx to Jan für das Bild, wer ein besseres hat mir bitte schicken], also sage ich es euch: Das Mönchsdings mit dem Grinsen hat DREI Hände! Vergleichet das Logo mit dem Foto und seht! Ein Grafikfehler! Welch schrecklicher Anblick!!! Neeeeeeeeeeeeeeein!
OK, eigentlich ist es garnicht so schlimm. Ich finde nur, dass das Logo Scheiße ist (das ist übrigens eine Metapher). Bleibt nur zu hoffen, dass die Berliner nicht so einen Schwachsinn produzieren. Geschweige denn die Züricher. Sonst ist der National 2009 in Augsburg! Das ist keine Ankündigung, sondern eine Drohung. Muahaha. Ich bin raus.
Peace in. (Peace out klingt so nach “Weg mit dir Friede, verschwinde, raus!” Also, P-E-A-C-E –I-N, Baby. ) Wir sehen uns 2009 in Augsburg.
